Unterrichtsbesuch
Regelmässige und gezielte Unterrichtsbesuche sind ein zentraler Bestandteil pädagogischer Führung. Sie ermöglichen Schulleitungen, Einblick in den Unterrichtsalltag zu gewinnen, Unterrichtsqualität gezielt zu fördern und mit Lehrpersonen in einen professionellen Dialog über Lehren und Lernen zu treten. Unterrichtsbesuche bilden damit eine wichtige Grundlage für Feedback, Reflexion und unterrichtsbezogene Personalentwicklung. Damit Unterrichtsbesuche, Beobachtungen und anschliessende Gespräche wirksam und professionell gestaltet werden können, stehen verschiedene Hilfsmittel und Instrumente zur Verfügung.
Wichtige Links und Formulare
Einbettung
Unterrichtsbezogene Personal- und Schulentwicklung entfaltet ihre Wirkung nur dann nachhaltig, wenn sie in einen klaren schulischen Kontext eingebettet ist. Die Schulleitung sorgt, häufig in Zusammenarbeit mit einer Steuergruppe, für eine aufeinander abgestimmte Abfolge schulinterner Weiterbildungen und Entwicklungsvorhaben.
Im Zentrum steht ein gemeinsam festgelegtes didaktisches oder pädagogisches Schwerpunktthema, das über einen längeren Zeitraum vertieft wird. Lehrpersonen entwickeln ihre Praxis dabei auf verschiedenen Ebenen weiter:
in schulinternen Weiterbildungsreihen
in der Umsetzungsarbeit innerhalb von Unterrichts- oder Stufenteams
in kollegialen Hospitationen
in den Unterrichtsbesuchen der Schulleitung
Viele Schulen im Kanton Bern haben mit diesem Vorgehen positive Erfahrungen gemacht.
Unterrichtsbeobachtung entlang zentraler Qualitätsdimensionen
Für eine abgestützte Unterrichtsbeobachtung ist eine Orientierung an evidenzbasierten Qualitätsdimensionen sinnvoll. Das Instrument INSULA 2.0 (Wemmer-Rogh et al., 2023) beschreibt zentrale Merkmale wirksamen Unterrichts und eignet sich als Referenzrahmen für schulische Beobachtungs- und Feedbackprozesse.
Aufgrund seines umfassenden Charakters empfiehlt es sich, exemplarisch ausgewählte Dimensionen in den Fokus zu nehmen, die auf das pädagogische Schwerpunktthema einer Schule oder Schulgemeinde abgestimmt sind.
Im Fokus stehen insbesondere folgende Dimensionen:
Klassenführung: klare Strukturen, effiziente Nutzung der Lernzeit und konstruktiver Umgang mit Störungen
Soziale Unterstützung: wertschätzende Beziehungen, respektvolle Kommunikation und lernförderliches Klima
Kognitive Aktivierung: anspruchsvolle Aufgaben, die zum Denken anregen und vertieftes Lernen ermöglichen
Lernziele, Inhalte und Methoden: fachlich und didaktisch stimmige Auswahl sowie transparente Zielsetzungen
Beurteilung und Feedback: lernförderliche Rückmeldungen, die den Lernstand sichtbar machen
Adaptivität: Passung des Unterrichts an unterschiedliche Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler
Diese Dimensionen dienen nicht der Bewertung einzelner Lehrpersonen, sondern der gemeinsamen Reflexion und Weiterentwicklung von Unterricht.
Gut zu wissen: Erarbeitung von Kriterien
Sehr umfangreiche Indikatorensammlungen können bei Lehrpersonen zu Überforderung führen. Bewährt haben sich stattdessen wenige, klar fokussierte Indikatoren, die:
einen direkten Bezug zur schulinternen Unterrichtsentwicklung haben.
gemeinsam mit den Lehrpersonen ausgewählt oder reformuliert wurden.
als sinnvoll, entwicklungsfördernd und realistisch umsetzbar erlebt werden.
Gut zu wissen: Mitarbeiterinnen- und Mitarbeitergespräche
Der Gesprächsraster «Standortbestimmung und Zielvereinbarung im Rahmen eines Mitarbeiterinnen- und Mitarbeitergesprächs (MAG) für Lehrpersonen», der dazugehörige Leitfaden sowie die FAQs sind bewährte Instrumente. Von der Schule definierte Indikatoren für die Unterrichtsbeobachtung lassen sich gut in den Gesprächsraster integrieren
Classroom Walkthrough (CWT)
Classroom Walkthrough (CWT) als Rahmenkonzept
Möchte die Schulleitung ihre Tätigkeit gezielt auf die Weiterentwicklung der Unterrichtspraxis ausrichten, bietet der Classroom Walkthrough (CWT) ein geeignetes Rahmenkonzept. Dadurch kann sich eine besondere Form des dialogischen und reflektierten Austauschs zwischen Schulleitung und Lehrpersonen entwickeln (Schwarz 2013, 2016).
Der Classroom Walkthrough, auch als Konzept der «herumschwirrenden Schulleitung» bezeichnet, ist eine Form unterrichtsbezogener Führung, bei der Schulleitungen regelmässig und meist unangekündigt für kurze Zeit Unterricht besuchen. Ziel ist nicht die Bewertung einzelner Lektionen, sondern ein vertieftes Verständnis für Lern- und Lehrprozesse an der eigenen Schule sowie der professionelle Dialog darüber.
Zentrale Merkmale des CWT
kurze, wiederkehrende Unterrichtsbesuche von wenigen Minuten
klar definierte Beobachtungsschwerpunkte (Look-fors)
Fokus auf das Lernen der Schülerinnen und Schüler
Sammlung qualitativer Beobachtungsdaten
anschliessender dialogischer Austausch und wertschätzendes Feedback
Gerade zu Beginn kann es hilfreich sein, den CWT als eine Art «Schatzsuche» zu gestalten und gelungene Unterrichtsmomente gezielt sichtbar zu machen.
CWT als Instrument unterrichtsbezogener Führung
Durch die regelmässige Präsenz im Unterricht gewinnt die Schulleitung ein realistisches Bild des schulischen Entwicklungsstands. Die gewonnenen Beobachtungen bilden eine zentrale Grundlage für eine datengestützte Schul- und Unterrichtsentwicklung. Entscheidend ist eine transparente Kommunikation: Die Beobachtungen dienen der gemeinsamen Lern- und Entwicklungsarbeit und nicht der individuellen Leistungsbeurteilung. Eine professionelle Feedbackkultur, gegenseitiges Vertrauen sowie der kontinuierliche Dialog über Unterricht sind zentrale Voraussetzungen dafür, dass Classroom Walkthroughs ihre Wirkung entfalten.
Hilfreiche Literatur und Arbeitsunterlagen
Dubs, R. (2019). Kapitel 7: Managementprozesse III: Die pädagogische Führung. In Dubs, R., Die Führung einer Schule. Leadership und Management. (3. Auflage). Stuttgart: Franz Steiner Verlag.
Gesprächsraster, Leitfaden und FAQs zu den Mitarbeitergesprächen Kanton Bern
Didaktische Grundlagen und Musteraufgaben zum Lehrplan 21:
Fächernet 21Hattie, J., Zierer, K. (2019). Kenne deinen Einfluss!: "Visible Learning" für die Unterrichtspraxis. (3. erweiterte Auflage). Hohengehren: Schneider Verlag.
Hattie, J., Beywl, W., Zierer, K. (2017). Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen: Überarbeitete deutschsprachige Ausgabe von "Visible Learning for Teachers". Hohengehren: Schneider Verlag.
Helmke, A. (2015) Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität. Diagnose, Evaluation und Verbesserung des Unterrichts. (7. Auflage). Stuttgart: Klett Verlag.
Joller-Graf, K. (2015). Wie Wissen wirksam wird: Merkmale eines kompetenzfördernden Unterrichts. Luzern: Entwicklungsschwerpunkt Kompetenzorientierter Unterricht, Pädagogische Hochschule Luzern
Krieg, M., Weber, K., Kaiser, E. (2017). Einschätzungsraster SE:KO. Zug: Direktion für Bildung und Kultur, Amt für gemeindliche Schulen Kanton Zug
Meyer, H. (2016). Was ist guter Unterricht? (14. Auflage). Berlin: Cornelsen.
Meyer, H. (2017). Unterrichtsqualität in der digitalen Welt. In INFOS 2017: Informatische Bildung zum Verstehen und Gestalten der digitalen Welt: Oldenburg, Carl von Ossietzky Universität.
Schneuwly, G. (2016). Unterrichtsentwicklung. In Hofmann H., Hellmüller P. & Hostettler U. (Hrsg.). Eine Schule leiten. Grundlagen und Praxis. (1. Auflage, S. 46 – 72). Bern, Schweiz: hep.